Freiwilliger Ökumenischer Friedensdienst 2012/13 - Erster Bericht

 

Alexandra Völmle, Fundación Hogar Manos Abiertas, Costa Rica


Die ersten drei Monate sind nun vorbei. Ich blicke zurück auf eine Zeit in der ich gelebt und erlebt habe, eine Zeit in der kaum mehr hätte geschehen können. Da Sie mit ihrem Beitrag mir dieses Jahr, diese unglaubliche Erfahrung, ermöglichen, möchte ich Ihnen nun einen Einblick in meine Erlebnisse geben. Ich kann Ihnen nicht genug dafür danken, dass ich durch Sie die Chance bekommen habe, hier zu sein.

 

Sprachkurs Nicaragua


Am 10. August brach ich zusammen mit meinen fünf Mitfreiwilligen der Landeskirche Baden auf, um einen fernen Kontinent zu erkunden, den ich zuvor noch nicht betreten hatte. Von Frankfurt flogen wir mit dem A380, dem größten Passagierflugzeug der Welt, über Houston in den USA, nach Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Unsere Vorgänger warteten bereits auf uns, aber wir waren müde, erschöpft, aber dennoch voller Aufregung, Abenteuerlust und Vorfreude auf das, was uns in dem Jahr alles erwarten würde. Die erste Luft, die wir schnupperten, war feucht vom Regen, denn es war mitten in der Regenzeit. Ich wurde überflutet von Eindrücken. Es war dunkel, nass, beängstigend, aber auf der anderen Seite bunt, belebt, eine andere Welt. Wahnsinnig viele Gefühle prasselten auf uns ein. Wir verbrachten mit den nun Ehemaligen einige wenige Tage im Hostel in Managua. Es gab mir ein wenig das Gefühl von Sicherheit, jemanden um sich zu haben, der Land und Leute kennt. Wir gingen essen und so lernten wir die mittelamerikanische Küche kennen, die hauptsächlich aus Reis und Bohnen besteht. Fragen über Fragen wurden gestellt und beantwortet. Aber die feuchte Hitze Managuas machte mir zu schaffen. Die Hauptstadt entpuppte sich als groß, staubig und gefährlich. Sobald es gegen 17.30 Uhr dunkel wurde, sollte man nur das bei sich haben, was man wirklich brauchte. Dreck, Müll und Armut bestimmten das alltägliche Bild. Ich war eine fremde Weiße, mit blonden Haaren, die von allen Seiten angestarrt wurde, die dort nicht wirklich hingehörte.

Nachdem die Ehemaligen die Heimreise angetreten hatten, ging für uns die Reise über die berühmte Pan Americana, vorbei an unzähligen Reisfeldern, weiter nach Estelí, in den Norden Nicaraguas. Eigentlich sollten wir dort drei Wochen an einem Sprachkurs teilnehmen, aber als wir an der Sprachschule ankamen, war keine Menschenseele weit und breit. Ein „Herzlich Willkommen“ sah anders aus. Aber nachdem wir auf dem Gelände der eigentlichen Behindertenwerkstadt doch noch jemand gefunden hatten, befanden wir uns am Abend schließlich in den Gastfamilien. Für mich war es schrecklich. Ich war müde von der Fahrt, saß im Wohnzimmer der Familie und konnte mich mit meinem Gastvater nicht verständigen. Mein ganzes Gepäck stand neben mir und ich wollte endlich das Gefühl haben, angekommen zu sein. Ich wollte alleine sein, alle Eindrücke verarbeiten. In diesen Momenten bereute ich es das erste Mal, kein Spanisch vor der Abreise gelernt zu haben.
Aber irgendwie hatte ich doch ein klein wenig Glück auf meiner Seite und so stellte sich später am Abend heraus, dass eine weitere Deutsche in der Familie lebt. Aber mit ihr oder besser gesagt mit mir kam auch ein weiteres Problem. Es gab nicht genügend Betten. Ich bekam das Gästezimmer, sie das Zimmer der Eltern, die wiederum im Zimmer der Tochter schliefen. Die Tochter schlief im Bett der Haushälterin und diese auf dem Sofa. Diese Situation trug nicht gerade dazu bei, dass ich mich wohl fühlte. Es gab einfach zu wenige Gastfamilien und so wechselte ich nach zwei Nächten in die Gastfamilie meiner Mitfreiwilligen Katharina, die für mich ein freies Bett hatte. Von Anfang an fühlte ich mich wohl und Katharina war mir mit ihren Spanischkenntnissen eine unglaublich große Hilfe.

Die Sprachschule war mit einer Lehrerin, die nur einige wenige Brocken Englisch sprach und mit mir als blutiger Anfängerin, alles andere als einfach. Wir nahmen die Grammatikgrundlagen durch, lernten Vokabeln und zu Hause hatten wir Hausaufgaben zu erledigen. Aber trotz aller Schwierigkeiten, wollte das Gefühl, dass dieses Jahr genau die richtige Entscheidung war, nicht mehr aus mir weichen.
In meiner Gastfamilie lernte ich, dank Katharina als Dolmetscherin, viel über die Kultur des Landes kennen. Wir wurden mit der landestypischen Küche verwöhnt, führten lange Gespräche über Mittelamerika und besuchten mit unserer Gastmutter eines Sonntagabends die Kirche.
Auch wenn Estelí zu den größten Städten in Nicaragua zählt, war sie mit Managua nicht zu vergleichen. Ich hatte das Gefühl, mich in der Stadt ziemlich schnell zurechtzufinden und auch wenn nach wie vor Armut und Schmutz das alltägliche Bild bestimmten, fühlte ich mich hier viel wohler. Es war übersichtlicher und so farbenfroh. Große Werbeplakate, wie man sie aus Deutschland kennt, gibt es nicht. Stattdessen sind die Markennamen auf Wände gemalt und das in leuchtenden Farben, was mir besonders gut gefiel. Mit all diesen Eindrücken der fremden Welt gingen die drei Wochen in Estelí wie im Flug vorbei. Als Dankeschön an unsere Gastfamilie kochten wir am letzten Abend Spätzle, bevor es am nächsten Tag über León zurück nach Managua ging. Dortmussten wir uns leider von den Nicaragua-Freiwilligen, die ihr Jahr an der Karibikküste in Puerto Cabezas verbringen sollten, verabschieden.

 

Ankunft in der Heimat auf Zeit - Costa Rica


Mit dem Bus ging sollte die Reise nun weitergehen in das endgültige Ziel meiner Reise: Costa Rica. In meiner Vorbereitungszeit in Deutschland und meiner Gastfamilie in Estelí habe ich viel über die beiden Nachbarländer und deren Probleme erfahren. Deren Beziehung ist geprägt von Klassenneid, Bürgerkriegen und einem anhaltenden Streit um den Verlauf der Grenze. Costa Rica ist das reichste Land in Mittelamerika und hat mit den vielen, teilweise auch illegalen, Migranten des viel ärmeren Nicaraguas zu kämpfen. Auch wir hatten Probleme einzureisen, da wir noch kein Visum für Costa Rica hatten. So durften wir die Weiterfahrt nur mit Hilfe eines Bustickets zurück nach Nicaragua antreten, das eigentlich gewährleisten soll, dass wir das Land auch wieder verlassen.

Am Flughafen von San José wurden wir von einem Mitarbeiter der Fundación abgeholt, der uns auch direkt zu unserer Einsatzstelle brachte. Wir waren müde, erschöpft, aber mindestens genauso aufgeregt. Die Fundación Hogar Manos Abiertas , die von einem Schwesternorden geführt wird, liegt etwas außerhalb der Stadt Alajuela. Auf deren Gelände befinden sich neben einer Kapelle und den Gebäuden, in denen die Schwestern wohnen, ein Krankenhaus und drei weitere Häuser, in denen Menschen mit Behinderungen leben. Wir wurden herumgeführt und lernten die Oberschwester Marlene kennen. Ich war wirklich positiv überrascht. Alles wirkte freundlich, einladend, die Anlage war gepflegt und ich hatte das Gefühl, dass man sich hier wirklich um die Menschen kümmert. Nachdem wir Zeit bekamen, anzukommen und auszupacken, begannen wir zwei Tage später zu arbeiten.

Die erste Zeit in der Fundación war gewiss nicht einfach. Serena und Kati sollten im Krankenhaus, ich in einem der drei Häuser arbeiten, um alles kennenzulernen. Nachdem ich in meiner Gastfamilie in Nicaragua ganz zuversichtlich war, was die fremde Sprache anbelangt, war ich jetzt wieder ganz am Anfang. Die Nonnen und Pflegerinnen sprachen im Gegensatz zu meiner Gastmutter so undeutlich, dass ich einfach kein Wort Spanisch verstand. Da ich eigentlich eine bin, die sich gerne unterhält, war es etwas komisch mit Menschen zusammenzuarbeiten und kein Wort zu reden. Aber ich lernte dazu und so wurde es viel besser. Dennoch mache ich noch jetzt manchmal die Erfahrung, dass ich Dinge zweimal sagen muss, auch wenn ich mir sicher bin, dass mein Satz richtig ist, weil sie einfach zu sehr davon ausgehen, dass sie mich nicht verstehen.

 

Meine Arbeitsalltag und die Heimbewohner 


Um 7.00 Uhr beginnt mein Tag in der Fundación. Gemeinsam mit allen Niñeras (Pflegerinnen), die in den drei Häusern arbeiten, mache ich ein paar Morgensportübungen, welche von einer der Schwestern angeleitet werden. Anschließend wird gebetet. Alle Niñeras der Häuser gehen gemeinsam in die Lavandería (Wäscherei) um die Massen an Bettlaken, Decken und Kleidung aufzuhängen. Mir gefällt das sehr, da es so ein Miteinander ist, jeder packt mit an und es wird immer viel geplaudert. Danach verteilen wir uns auf die Häuser. In dem Haus, in dem ich, zusammen mit meist fünf Niñeras arbeite, leben zurzeit 18 Menschen mit schweren Behinderungen. Zuerst werden morgens alle nacheinander geweckt und geduscht. Meistens desinfiziere ich währenddessen die Betten und beziehe sie neu aber zwei Mal die Woche darf ich in eines der beiden Bäder und übernehme das Anziehen. Manche der „Kleinen“, wie sie von den Schwestern genannt werden, lassen sich nicht gut bewegen was das Anziehen erschwert. Außerdem ist es anstrengend, weil man schnell sein muss, aber dennoch macht es Spaß. Jedoch gab es aber auch Zeiten, in denen ich die Medikamente gerichtet habe oder Wäsche mit einer ziemlich selbstständigen, intelligenten Frau aufgehangen habe. Sie hat im Gegensatz zu den meisten anderen nur relativ leichte Behinderungen und so war das gemeinsame Arbeiten immer ziemlich witzig, auch wenn sie weder hören noch sprechen kann.
Beim darauffolgenden Frühstück fütter ich meist zwei bis drei Bewohner, wobei ich mir meistens meine Lieblinge raussuche. Ich versuche nämlich einigen beizubringen selbstständig zu essen und sich nach dem Essen den Mund abzuwischen. Bei einem der Kleinen habe ich durch dieses intensive Training erreicht, dass er, auch wenn er kein einziges Wort sprechen kann, mir deutlich zu verstehen gibt, wenn er keinen Hunger mehr hat oder mehr Essen bzw. Trinken möchte. Momentan bin ich dabei ihm beizubringen, das Geschirr wegzuschieben, wenn er fertig ist, und den Tisch vor sich abzuwischen, da er zwar alleine Essen kann, aber leider nicht alles im Mund landet. Das Ganze ist nicht immer einfach und erfordert viel Geduld, da er sich nur schwer konzentrieren kann. Aber noch so kleine Erfolge motivieren mich jeden Tag aufs Neue.
Nach dem Frühstück spüle ich das Geschirr, trockne ab und wasche die Lätzchen vom Frühstück. Oft gibt es noch nasse Wäsche vom Vortag, die zum Trocknen aufgehangen werden muss. Sobald die Küche aufgeräumt ist, bewaffne ich mich mit Parfüm, Haargel, Bürste, Kamm und Haargummis und fange an, die Mädels zu frisieren. Auf Kleidung, Frisur, Parfüm & Deo wird hier besonders geachtet. Das macht mir wirklich Spaß, besonders wenn ich sehe wie die Frauen diese ungeteilte Aufmerksamkeit genießen. Um 9.30 Uhr habe ich eine 15-minütige Merienda (Vesperpause).
Danach kommen Serena und Kati mit der Physiotherapeutin aus dem Krankenhaus herüber und fangen an einige der Bewohner auf eine Art Spielplatz zu bringen. Er besteht aus einem überdachten Basketballfeld und einer Wiese mit Fußballtoren und Schaukeln. Es wird Fuß- oder Basketball gespielt, Puzzles oder Kleinkinder-Logik- und Steckspiele gemacht. Mit einigen wenigen wird auch regelmäßig Laufen geübt. Die Zeit beim Spielen mag ich sehr gerne, da aus den verschiedenen Häusern viele Bewohner mit ganz unterschiedlichen Behinderungen zusammenkommen. Immer wieder beobachte ich voller Faszination was die „Kleinen“ alles können. Ich kann nur immer wieder sagen: Menschen mit Behinderungen werden viel zu schnell unterschätzt.
Nachdem nach rund einer Stunde alle wieder zurück in die Häuser gebracht worden sind, schnappen wir drei Freiwilligen uns, zusammen mit der Physiotherapeutin vier der „Kleinen“ und bringen sie in den Therapieraum im Krankenhaus, um dort Physiotherapie zu machen. Einige der Bewohner nutzen nur einen Arm oder können ihre Beine nicht strecken. Wir massieren oder machen Bewegungen, die uns beigebracht wurden, damit die Einschränkungen besser, anstatt schlimmer werden. Nachdem pünktlich zum Mittagessen alle wieder zurück in den Häusern sind, gibt es für uns um 12 Uhr eine Stunde Mittagspause. Wir sind die einzigen, die ihr Essen in der Küche bekommen. Die Ni
ñeras bringen ihr Essen alle selbst mit. Nach dem Essen legen wir uns oft auf eine Wiese um auszuruhen.
Wenn ich dann zurück ins Haus komme, haben einige der Schützlinge schon fertig gegessen. Auch jetzt füttere ich wieder 2-3 Bewohner, wobei ich versuche, mein Training fortzusetzen. Oft bin ich die Letzte die mit Füttern fertig ist. Die Ni
ñeras sind meist schon wieder am Putzen und am Wischen und ich kümmer mich um das restliche Geschirr und die Wäsche. Irgendwie können sie nicht akzeptieren, dass es manchmal auch nichts zu putzen gibt. Aber so werden zwei Mal die Woche die Fenster geputzt und alles andere täglich in 2-3-facher Ausführung gereinigt.
Da ich Freiwillige bin, habe ich das Privileg, und bin somit die einzige in meinem Haus, die sich mit den Behinderten ungestört beschäftigen kann. So kann ich mir jederzeit jemanden holen, mit dem ich laufen üben kann. Aufmerksamkeit und Zuwendung haben für mich einen unschätzbaren Wert. Die Ni
ñeras fühlen sich eher wie Aufpasserinnen und so wird es von den Schwestern nicht gerne gesehen, wenn sie sich mit den „Kleinen“ beschäftigen. Die Schwestern sind sich ihrer Autorität durchaus bewusst und das Verhältnis zwischen ihnen und den Niñeras ist sehr schwierig.
Bei einer kleinen Bewohnerin Versuch ich seit einiger Zeit zu erreichen, dass sie ohne Hilfe läuft, wobei leider kaum Erfolge sichtbar sind. Jedoch gebe ich deswegen nicht auf! Da alle anderen Bewohner um diese Zeit wieder in die Betten zum Mittagsschlaf gelegt worden sind, und ich eigentlich nicht einsehe, den z.B.: den Boden zum fünften Mal an diesem Tag zu wischen, gehe meistens in die Lavandería. Dort helfe ich Wäsche zusammenzulegen. Dort kommen die Ni
ñeras vorbei, um frische Wäsche für die Häuser zu holen. Dabei wird immer geredet oder gelästert. Es geht um die Kinder, um die Männer und um die Schwestern. Oft wird geflüstert, um zu vermeiden, dass eine Schwester ihre Lästereien hören könnte. Ich mag die Arbeit dort, weil ich vor mich hinarbeiten, und den Gesprächen lauschen kann, ohne selbst viel dabei denken zu müssen. Nach einem anstrengenden Vormittag ist das oft ganz angenehm.
Gegen 15 Uhr gehe zurück ich ins Haus, in dem gerade eine weitere Merienda für die Bewohner vorbereitet wird. Es gibt Obst, Saft oder Kekse und ich helfe wieder die „Kleinen“ zu füttern. Um 15.45 Uhr ist mein Arbeitstag vorbei und oft bin ich so müde, dass ich daheim direkt ins Bett gehen könnte.

Auch wenn die Zeit am Anfang durch Verständigungsprobleme nicht einfach war, habe ich mittlerweile nicht nur zu den Niñeras ein gutes, freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Auch die „Kleinen“ sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich freue mich jeden Tag aufs Neue, wenn ich mit Handküssen und Umarmungen begrüßt werde, oder mein Name durch das halbe Haus gerufen wird.

Mein Leben neben der Arbeit ist geprägt von wunderschönen Wochenendausflügen in die Städte und die unglaubliche Natur Costa Ricas. Bilder, die einen Eindruck davon verschaffen, habe ich auf meiner Homepage: alexandra-in-costarica.jimdo.com


Ein riesengroßes Dankeschön und herzliche Grüße aus Costa Rica, Alexandra Völmle