Freiwilliger Ökumenischer Friedensdienst 2012/13 – Zweiter Bericht

 

Alexandra Völmle, Fundación Hogar Manos Abiertas, Costa Rica


Am 10. Februar war Halbzeit angesagt. Es ist der pure Wahnsinn wie schnell die Zeit hier an einem vorbei rast. Mit diesem zweiten Bericht möchte ich Ihnen einen weiteren Einblick in meine Arbeit hier in Costa Rica ermöglichen. Es hat sich so viel verändert, aber irgendwie ist auch alles beim Alten. Die vergangenen Wochen waren die Besten, die ich hier bisher erleben durfte. Ich hatte vier Wochen Ferien und besuchte eine Woche lang ein Seminar, das unseren Freiwilligendienst hier unterstützt und uns die Möglichkeit gab, über Probleme zu sprechen. Aber für mich war das Seminar auch eine Chance neue Freunde kennenzulernen.
Aber wovon ich eigentlich berichten möchte, sind die darauffolgenden Wochen in der Fundación. Wochen, die nun direkt hinter mir liegen. Alle Ereignisse schreibe ich regelmäßig in ein Tagebuch nieder, was mir nun auch die Anregung gab, meinen Bericht in Form von Tagebucheinträgen zu gestalten. Vieles werde ich von meinen persönlichen Einträgen direkt hierher übernehmen, aber teilweise habe ich sie etwas weiter ausgebaut, um sie verständlicher zu machen.


Montag, 11. Februar:           


Erster Arbeitstag nach vier Wochen Ferien… Ich habe mich so sehr aufs Arbeiten gefreut! Es gibt so viele neue Niñeras (Pflegerinnen)! Und genauso viele gibt es, die nun nicht mehr arbeiten. Isa musste ins Krankenhaus wechseln und ist nun bei Serena (meiner Mitfreiwilligen). Das ist echt komisch, da sie ja so etwas wie die Oberniñera war, und das Sagen hatte. Ileana ist nicht mehr da und ich konnte mich leider gar nicht von ihr verabschieden. Aber eine der Neuen scheint richtig cool zu sein! :) Alle haben mich heute Morgen mit Umarmungen empfangen, was ich echt nicht erwartet hatte. Deswegen hat mich alles umso mehr gefreut. Meine Angst davor, mich erst wieder einarbeiten zu müssen war total unbegründet. Ich liebe es einfach! Die zugelaufene Henne hat jetzt drei Küken und ein Pferd gibt es auch! So verrückt! Ich freu mich schon auf morgen!


Dienstag, 12. Februar:


Johanna sagte heute zur Schwester Patricia „Ale es muy buena!“, was so viel heißt wie: „Ale ist sehr gut!“. Das hat mich so sehr gefreut! Und nachdem ich gefragt hatte, ob nur drei Niñeras heute da sind, bekam ich die Antwort: „Mit dir vier!“ All das bedeutet mir so viel und war für mich ein großes Lob! Natürlich spornt das noch mehr an mit anzupacken. Jenny ging heute zur Schwester und erzählte ihr, dass ich reiten kann. Und ich konnte es kaum glauben, als nachmittags einige der Bewohner freudestrahlend auf dem Pferd saßen und über die Wiese geführt wurden. Am Ende durfte ich auch noch eine Runde reiten. :) Das hätte ich nie gedacht. Ich hoffe echt, dass wir das jetzt öfter machen und ganz viele der Bewohner so aus den Häusern rauskommen und reiten dürfen. Tiere können bekanntlich Wunder bewirken. Was für ein toller Tag!

                                                         

Mittwoch, 13. Februar

Es gibt einfach so viele neue Niñeras! Heute war Raquel da. Sie ist 20 und hat eine zweijährige Tochter. Das ist so krass, da sie nur knapp ein Jahr älter ist als ich. Und wenn ich überlege, dass sie täglich von 7 Uhr morgens bis abends um 18 Uhr arbeitet und erst heimkommt, wenn es bereits dunkel ist, macht mich das echt traurig. Sie hat so wenig Zeit für ihr Kind. In der Mittagspause sprachen wir über die Kindersituation in Costa Rica. Alle sagten, wie teuer es hier ist, ein Kind durchzufüttern. Vor allem, da es vom Staat keine Unterstützung gibt. Als ich dann erzählte, dass es in Deutschland ein Kindergeld gibt, konnten das alle gar nicht glauben. Ich glaube meine Heimat erscheint ihnen ein bisschen wie ein Paradies, mit all den wunderbaren Dingen, die Costa Rica nicht zu bieten hat. In den Gesprächen damit umzugehen, Deutschland als Heimat zu haben, ist nicht immer einfach. Ich möchte nicht als reiche Industrielandtochter gesehen werden, der alles nur so zufliegt. Deswegen muss ich oft überlegen, was ich sage und wie ich es ausdrücke. Ich möchte nicht, dass es falsch bei meinem Gegenüber ankommt. Die Sprache macht das nicht einfacher. Ich lerne viel dazu, mache große Fortschritte, aber mein Spanisch ist immer noch nicht gut. Wenn ich eines in dem Jahr gelernt habe, dann das: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn man auf die Niñeras zugeht und sich mit ihnen unterhält, kommt auch immer etwas zurück. Jede Bemühung, sich verständlich zu machen, lohnt sich. Wenn man hilft, bekommt man Dankbarkeit und genauso Hilfe zurück, denn nicht jede Aufgabe kann man alleine bewältigen. Man muss etwas dafür tun, um anerkannt zu werden und danach fragen, wenn man mehr Aufgaben übernehmen will. Denn sowohl die Niñeras, als auch die Schwestern kommen kaum von sich aus auf einen zu. Aber ich kann mit Glück und Stolz sagen, dass ich das Gefühl habe, akzeptiert, respektiert und anerkannt zu werden und das trotz mangelnder Spanischkenntnisse. Allein die herzliche Begrüßung und die kleinen Aussagen der letzten zwei Tage beweisen das und machen mich glücklich.
Morgen darf ich mit auf eine Cita (ein Krankenhausbesuch), da eine Bewohnerin eine Magensonde bekommt. Ich freu mich schon, da ich noch nie auf einer dabei war.


Donnerstag, 14. Februar


Heute Morgen ging es gleich um 7 Uhr mit einem Bewohner in die Clinica nach Alajuela. Wir mussten knapp zwei Stunden warten und so hatte ich die Chance viel mit Schwester Patricia zu reden. Sie bestätigte meine Auffassung von gestern: Wenn wir nicht sagen oder fragen, was wir machen können und wollen, denken die Schwestern, die Arbeit ist in Ordnung für uns. Also wird nie Abwechslung in den Alltag kommen, wenn wir unseren Mund nicht aufmachen. Das ist für uns Freiwillige ein großer Vorteil gegenüber den Niñeras, wenn wir die Initiative ergreifen. So dürfen wir uns ein bisschen aussuchen, was wir machen möchten und was nicht. Es war echt gut so viel mit Schwester Patricia zu reden. Sie machte mich auch darauf aufmerksam, dass mit uns fast nur ältere Menschen warteten. Wie in Deutschland, gibt es hier das Problem, dass zu wenige Kinder geboren werden. Später ging es dann noch mit einer weiteren Bewohnerin in das Krankenhaus von Alajuela. Es ist riesig, laut und erinnert eher an ein öffentliches Amt, als an ein Krankenhaus. Die Männer am Haupteingang scheinen genau zu kontrollieren, wer hinein und hinaus geht. Überall wurden wir angeschaut, als wir mit unserem Schützling auf der Trage, das richtige Zimmer suchten. Es gab so viele Menschen mit Listen, die anscheinend den kompletten Tag herumsitzen und nur irgendetwas kontrollieren müssen. Ich musste an das Krankenhaus aus meiner Heimatstadt denken: Hell und farbig und dadurch sehr freundlich. Hier ist alles grau, mit all den Menschen die warten. In der Notaufnahme wird man je nach Dringlichkeit eingeordnet. Im Gang sitzen alte Frauen aneinandergereiht, auf unbequemen Stühlen und hängen an einer Infusion. Es ist laut und man sieht ständig die Schilder an der Wand, die einem sagen, dass man leise sein soll. Wohlfühlatmosphäre sieht anders aus. Schließlich fanden wir den richtigen Raum. Wir klopften, doch die Tür war verschlossen. Wir hatten einen Termin und auf dem Bescheid war deutlich vermerkt, dass wir eine halbe Stunde früher zu erscheinen hatten. Immer wieder kamen Patienten und klopften an, jedoch gab es keine Antwort. Also warteten sie und wir mit ihnen. All das war sehr bedrückend für mich. Es wirkte auf mich so, als ob die Patienten um Hilfe betteln mussten und die Ärzte ihre Macht nutzen und Patienten warten lassen. Was haben die Ärzte denn schon zu verlieren? Die Patienten sind auf sie angewiesen. Nach einer halben Stunde ging die Tür auf und gleich wollten alle hinein, aber bevor auch nur irgendjemand hineingehen konnte, wurde sie wieder zugemacht. Unser Schützling hat inzwischen begonnen zu schreien, und damit meine ich nicht weinen, sondern wirklich zu schreien. Sie hatte Hunger. Es war schrecklich und unmöglich sie zu beruhigen. Überall wartende Menschen die uns anstarrten und eine Akustik, die jeglichen Geräuschpegel begünstigt. Durch den Freiraum in der Mitte des Gebäudes konnten drei weitere Stockwerke die Kleine hören. In dem Moment kam in mir so ein Hass auf die Ärzte auf. Wir hatten doch einen Termin? Warum können wir nicht rein? Hören sie denn nicht, wie laut das Mädchen schreit? Es war unangenehm. Ich wollte nicht mehr warten. Deutsche Krankenhäuser sind natürlich ähnlich, aber mir kam keines so patientenunfreundlich vor wie dieses. Schließlich ging die Tür auf und wir durften hinein. Unsere kleine Patientin wurde sofort in den OP-Raum gebracht. Alles wurde vorbereitet und ich durfte während der Sonden-Operation im Raum bleiben. Das war alles sehr interessant. Wie die Ärzte mit der Kamera im Bauch den Magen anschauten, um dann zu entscheiden, wo das Loch in der Bauchdecke gemacht werden soll. Wie später der Sondenschlauch durch den Mund gezogen wurde und wie währenddessen ständig die Kamera im Einsatz war. Nachdem die Operation beendet war, kam ein Vertreter und wollte den Ärzten offenbar ein neues Gerät verkaufen. So mussten wir wieder warten, denn sie mussten nochmal einen Blick auf unsere Patientin werfen, bevor wir gehen durften. Die Warterei kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit und mir taten all die Menschen Leid, die draußen noch viel länger warteten als wir. Krankenhäuser in Costa Rica sind keine schönen Orte. Was ich aus der Fundación schon mitbekommen habe, ist, dass wenn man keinen Angehörigen hat, der einen bei einem längeren Aufenthalt am Bett betreuen kann, für eine Krankenschwester extra zahlen muss. Um dem zu entgehen mussten einige meiner Kolleginnen schon über Nacht bei einem unserer Heimbewohner im städtischen Krankenhaus bleiben. All die Eindrücke an diesem Tag haben mich sehr erschöpft. Zurück in der Fundación brauchte ich erst einmal eine Pause und hätte am liebsten geschlafen. Es war echt komisch tagsüber so wenig im Heim zu sein. Mir ist es leider dann auch nicht gelungen mich in die Arbeit des Tages einzufinden und suchte mir eine unabhängige Beschäftigung.


Freitag, 15. Februar


Alle Niñeras meinten heute ich verwöhne eine Bewohnerin zu sehr. Das war zwar nicht negativ gemeint, aber nur, weil ich sie gerne auf den Arm nehme, mit ihr kuschel und regelmäßig laufen übe, verwöhne ich sie doch nicht? Ich schenke ihr nur die Aufmerksamkeit, für die die Niñeras keine Zeit haben. Jenny erzählte mir, dass meine Kleine in der Zeit, in der ich Urlaub hatte, unausstehlich war. Anscheinend weiß sie genau, wann ich komme und dass ich am Wochenende frei habe. Aber genau das finde ich wichtig: Zeit mit den Bewohnern zu verbringen und nur für sie da zu sein. Und ich bin glücklich, dass mein Freiwilligenstatus das zulässt, da ich nicht die Verpflichtungen der Niñeras habe. Alle, Niñeras und Nonnen, sind wirklich darum bemüht, den Bewohnern ein schönes Leben im Heim zu ermöglichen. Und die Fürsorge schätze ich sehr, denn in ganz Costa Rica gibt es insgesamt nur zwei Pflegeheime für Menschen mit Behinderungen. Aber dennoch finde ich, dass individuelle Förderung in der Fundación zu kurz kommt. Es gibt zwar eine Lehrerin und eine Physiotherapeutin, aber für 92 Bewohner ist das eindeutig zu wenig. Ich kenne die Finanzen nicht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass keine Gelder da sind, um eine weitere wichtige Fachkraft einzustellen. Stattdessen wird Geld für die Haltung eines Pferdes ausgegeben. Aber immerhin sind wir heute wieder geritten. Und das Lächeln all unserer Schützlinge zu sehen, wenn sie auf dem Pferd sitzen, lässt so manche Dinge vergessen. Ich hoffe, dass durch das Reiten die Bewegungsfähigkeiten der Bewohner verbessert werden können. Ich glaube ich werde die Reiterei, und die damit verbundene Arbeit mit den Bewohnern, ein bisschen zu meiner Aufgabe machen. Denn ich habe nicht das Gefühl, dass die Schwestern davon allzu viel Ahnung von Pferden haben.


Ich mache mir jetzt schon Gedanken, wie es in knapp fünf Monaten wohl sein wird, sich zu verabschieden und nicht zu wissen, ob man sich je wieder sehen wird. Ich kann jedoch mit Sicherheit sagen, dass dieses Jahr bisher das lehrreichste, prägendste und erlebnisreichste Jahr meines Lebens war. Und ich kann Ihnen nicht genug dafür danken, dass Sie mit ihrer Unterstützung mir das hier ermöglichen.
Um einen weiteren Eindruck von der Schönheit dieses Landes zu bekommen, kommt hier die Einladung, meinen Blog, mit vielen wunderschönen Bildern, zu besuchen: alexandra-in-costarica.jimdo.com.

Herzliche Grüße aus Costa Rica,

 

Alexandra Völmle